Rollenspiel 101 - Der Chat RPG Entfruster
Du bist sauer, wütend oder frustriert? Du hast den Eindruck, dass niemand mit Dir spielen will, Dein Spielpartner ist einfach weggerannt oder es ist niemand mehr im Chat, den Du gut kennst und/oder mit dem Du gerne spielst?
Wir möchten, dass ihr Spaß am Spiel habt und haben hier deswegen die wichtigsten Mißverständnisse einmal zusammengetragen.. und, soweit es möglich war, auch Lösungsmöglichkeiten beschrieben.
Geduld haben
Geduld ist eine wichtige Tugend für jeden Rollenspieler, auch und gerade beim Chat-RPG. Generell kannst Du davon ausgehen, dass alle miteinander spielen wollen. Wenn nicht sofort jemand auf Dich reagiert, sind sie mit ihren Gedanken gerade woanders, tippen eine längere Szene oder sind geistig ausgelastet. Vielleicht funkt ihnen aber auch gerade das RealLife von aussen ins Spiel. Es gibt hunderte Möglichkeiten, was gerade schiefgehen kann und nur ein winziger Bruchteil davon könnte tatsächlich persönlich oder unhöflich gemeint sein.
Gebt euren Mitspielern immer ein paar Minuten Zeit, um auf euch zu reagieren oder zu antworten. Seid geduldig und nachsichtig.. also nur das, was ihr euch im Zweifelsfalle auch von den anderen wünschen würdet.
Ein dickes Fell zulegen
Generelle Probleme von freien, spielleiterlosen Rollenspielen
Freie Rollenspiele haben ihre Vor- und ihre Nachteile. Ein Vorteil ist: Es gibt niemand der das Spiel bestimmt, reguliert und zensiert. Ein Nachteil ist: Es gibt niemanden der das Spiel ordnet, reguliert und üble Auswüchse auch mal unterbindet.
Die Chars sind ja zum Davonlaufen
Besonders Spieler die bisher nur in geschlossenen RPGs mit Spielleiter und festgelegtem Regelwerk gespielt haben, empfinden die Charaktere die ihnen im Freeplay entgegengeschleudert werden oft als Zumutung. Undrowige Drow, 13 jährige Elfenkinder auf dem Entwicklungsstand eines 13 jährigen Menschenkindes, unterwürfige, weibliche Drow, weichherzige Dämonen, pöbelnde Elben, Götter mit sehr menschlichen Problemen, Mischwesen aus 3-10 Rassen, Halb-Vampire... Die Blödsinn-Schmerzgrenze vieler Spieler wird im freien Spiel arg ausgereizt.
Selbst auf höfliches Feedback reagieren die meisten Spieler gereizt und fangen an wild für ihr Charkonzept zu diskutieren.
Natürlich kann man versuchen dem anderen seine eigene Meinung nahezubringen. Oft läuft der Versuch allerdings schlicht ins Leere, weil sich niemand gerne in seinen Char hineinpfuschen lässt.
Fluchen und Toben hilft nicht. Besser ist, sich die Spieler auszuwählen - meist erkennt man nach einem kurzen Spiel schon die Richtung in die ein Char oder ein Spieler geht - und Charakterkonzepten auszuweichen die einem Kopfschmerzen bereiten. Wobei man bei guten Spielern auch ein nur mässiges Konzept eher zu verzeihen bereit ist.
Jeder versucht mich zu seinem Deppen zu machen
Generelle Probleme von Online-Rollenspielen
Zulauf und Abgänge
Entschließt sich jemand im realen Leben beispielsweise einem Fußballverein beizutreten, ist dies eine anhaltendere Entscheidung. Er wird ein oder mehrmals in der Woche beim Training auftauchen und versuchen darüber hinausgehende Vereinsaktivitäten in den Alltag einzuplanen.
Online-Aktivitäten haben bei den Meisten einen relativ geringen Stellenwert. Erst kommt die Arbeit, die Schule oder die Uni, dann der Haushalt, die Freunde, Sport oder regelmässige Freizeittermine, dann wenn noch Zeit übrig bleibt das Online-Leben worunter das Rollenspiel wieder nur einen kleinen Anteil hat.
Ist im Realen Leben gerade Leerlauf - ganz klassisch sind hier die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr oder die großen Ferien - und die Langeweile setzt ein, beginnen manche mit dem Hobby Online-Rollenspiel. Für ein paar Tage oder Wochen spielen sie sehr oft und lange, bauen intensive Beziehungen zu anderen Charaktere auf und kaum beginnt der stressige Alltag wieder, sieht und hört man nichts mehr von ihnen.
Für die Mitspieler, denen auf einmal die Liebhaberin, Bruder, Vater der Rollenspiel-Kinder, verloren geht, ist das sehr frustrieren, aber ein starker Zulauf und Abgang von Online-Rollenspielen sind einfach Fakt.
Daher kann es nützlich sein, selbst wenn das Spiel mit Charakter X so erfüllend ist, nicht gleich am 2. Tag zu heiraten, am 3. das erste Kind zu zeugen und ihm am 4. seine Seele zu verkaufen. Bei Charakteren mit denen man zwar gerne spielt, aber nicht das Leben des eigenen Charakters untrennbar mit ihnen verknüpft hat, mag es immer noch unangenehm sein, wenn sie spurlos verschwinden aber es reißt kein riesiges Loch in die Charaktergeschichte.
Mit massiven Zu- und Abgängen muß immer gerechnet werden und es hilft auch nicht zu toben oder die betreffenden Spieler zu verfluchen, denn das reale Leben mit all seinen Zwängen geht immer vor. Rollenspiel ist ein Hobby und wenn das Hobby nicht mehr entspannt sondern zum anstrengenden Zwang wird, sollte man es ablegen.
Bestehen persönliche Kontakte zu den anderen Spielern, über das reine Spiel hinaus, kann man Rollenspiel-freie Phasen auch ankündigen oder mal nachfragen ob und wann der andere wieder mal zum Spielen frei ist.
Wer längere Zeit im Chat-RPG spielen will, wird sich mit dem Gedanken anfreunden müssen, immer von neuem Anspielpartner zu finden. Weinen darüber das 'gar niemand mehr da ist den man kennt' bringt kein Spiel und warum dem Nachwuchs nicht auch mal eine Chance geben?
Zeitprobleme
Bei interaktiven Spielen kommt erschwerend dazu dass nicht immer alle Spieler zur gleichen Zeit verfügbar sind. Ein Spieler mit Spätschicht, spielt vielleicht gerne bevor er zur Arbeit geht und einer mit Nachtschicht ebenfalls. Nur ist dies bei dem einen Vormittag, aber bei dem anderen der Nachmittag. Die meisten Spieler kommen erst nach der Schule oder der Arbeit online, also später Nachmittag oder Abend und gehen entsprechend ihrer Arbeitszeiten auch wieder früh schlafen.
Einige Spieler kommen also manchmal über Wochen nicht dazu zusammen zu spielen, auch wenn ihre Charaktere in der letzten Urlaubsphase eine Beziehung aufgebaut haben.
Um solche Probleme zu umgehen, kann man entweder ganz auf weniger Interaktive Rollenspiele wie beispielsweise Foren-RPGs ausweichen, oder nebenher per Mail oder Forum an der eigenen Geschichte weiterschreiben.
Was so passieren kann
Ich bin neu, ich komm nicht ins Spiel
Eine Situation, die viele kennen und die nicht wirklich schön ist. Man sitzt im Raum, die Beiträge der anderen fliegen einem um die Ohren, aber der eigene Charakter wird gar nicht beachtet. Man kommt sich durchsichtig vor wie im Lied Mr. Cellophane aus dem Musical Chicago beschrieben. Statt Dich aber nun schlecht zu fühlen oder das direkt auf Deine reale Person, die für die anderen ja ungesehen zuhause vor dem Rechner sitzt, zu beziehen, solltest Du Dich einmal für ein paar Sekunden zurücklehnen.
Wenn man neu in einem Play ist, kann es ganz sinnvoll sein, erst einmal eine oder zwei Stunden mitzulesen, um die anderen und ihre Spielweise kennenzulernen. Möglicherweise fallen Dir dabei Charaktere auf, die Du gezielt anspielen möchtest oder eine Szene, an der Du ansetzen kannst. Oder Du kannst auch einen Spieler, der gerade weniger aktiv ist, anflüstern und fragen, ob er ein kleines Spielchen mit Dir wagen möchte.
Gerade, wenn im Raum viel passiert, kann es nämlich mitunter schwierig sein, auf einen Charakter einzugehen, den noch keiner der anderen Charaktere bisher im Spiel kennengelernt hat.
Mein Char sitzt jetzt schon eine Stunde in der Taverne, aber es _will_ niemand mit mir spielen
Nachfrage: Wo sitzt Dein Char? Wo sitzen die anderen? Was geht gerade vor sich?
Dein Char sitzt an einem Tisch abseits und der Rest tummelt sich an der Theke? Du erwartest, dass natürlich einer der anderen Spieler zu Dir kommt, um Dir spielerische Aufmerksamkeit zu bieten, weil Dein Charakter dunkel, düster und geheimnisvoll ist und sich nicht weg bewegen wird?
Dann mußt Du Dir für den Moment überlegen, ob es für Dich akzeptabel ist, den eigenen Charakterhintergrund zu beugen, um an einem Spiel an einem anderen Tisch teilzuhaben, aber Du darfst nicht von anderen erwarten, dass sie das ganz selbstverständlich werden, damit Du nicht eingeschnappt bist. Jeder Spieler hat das Recht, auf den Eigenheiten seines Charakters zu beharren, oder ihnen eben nach Lust und Laune auch mal nachzugeben...
Und ich sage doch, es will niemand mit mir spielen!
Nachfrage: Wieviel Eigeninitiative bringst Du mit? Spielst Du die anderen Spieler an, oder wartest Du darauf, dass sie Dich hofieren und in ein Spiel ziehen?
Wenn Du Deinen Charakter in einen tiefen Wald geschrieben hast und alle anderen sitzen in der Taverne.. wundert es Dich dann wirklich, dass Du gerade nicht ins Spiel kommst? Oder Du wirfst seitenweise Selbstbeschreibungen in den Raum, bietest aber keinen Haken oder Punkt, an dem andere Charaktere Deinen Char ansprechen oder anderweitig mit ihm interagieren können?
Jede Form des Rollenspiels beruht auf Zweiseitigkeit (oder Mehrseitigkeit, wenn mehr als nur zwei Charaktere involviert sind). Es kommt nur zu Dir zurück, was Du den anderen auch anbietest.
Ich habe versucht, meinen Char zu einer gerade laufenden Szene dazuzuschreiben, aber niemand geht auf mich ein
Kann passieren, ja. Ist aber meist weder böse noch persönlich gemeint.
Alle Spieler sind nur Menschen und leider nicht mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet. Das bedeutet leider auch, dass ihre Aufmerksamkeit begrenzt ist. Je intensiver eine bereits laufende Szene ist, je emotionaler und ereignisreicher.. umso schwieriger ist es, adäquat auf einen zusätzlichen Charakter einzugehen, selbst wenn man möchte. Vielleicht liest Du dann erst mal einfach nur mit und geniesst das Ganze als Zuschauer.. oder Du suchst Dir eine ruhigere Szene. Du kannst natürlich auch Deine Eindrücke als Zuschauer beschreiben, ohne dabei direkt in die Szene einzugreifen.
Wenn sich in der realen Welt zwei Personen in einer Kneipe prügeln, dann stehen die meisten anderen schließlich auch nur drumherum und kommentieren das Geschehen - und kommen darüber durchaus auch ins Gespräch..
Ich hatte mit zwei Spielern verabredet, dass ich zu ihrer Szene dazukomme, aber sie geben mir keinen Ansatzpunkt
Vielleicht brauchen sie einfach eine Weile. Vielleicht wollen sie ihr Zweierspiel bis zu einer bestimmten Situation schreiben und Deinen Charakter dann, wenn es passt, reinnehmen.
Ich wollte unbedingt mit Spieler XYZ spielen, aber der beachtet mich gar nicht
Kommst Du vielleicht mit der falschen Erwartungshaltung ins Spiel? Wenn der von Dir angepeilte Spieler schon in einem Play steckt, erwartest Du wirklich, dass er/sie alles stehen, liegen und fallen lässt, nur um sofort mit Dir weiterzuspielen?
Wenn ja, dann ist Deine Einstellung etwas unfair gegenüber den anderen Spielern, und Du stellst den Wert Deines eigenen Spiels über das der anderen. Also nimm in dem Fall bitte ein wenig Abstand von der "Platz da, jetzt komme ich"-Haltung.
Ich hab mit Spieler XYZ zu spielen angefangen und plötzlich ist er weg
Das muß absolut gar nichts mit Deinem Spiel zu tun haben. Vielleicht kam einfach was dazwischen. Alle Spieler sind noch etwas anderes als Rollenspieler, nämlich Schüler, Tochter, Sohn, Freund, Freundin, Ehefrau, Ehemann, Student, Berufstätiger. Vielleicht also kam ein wichtiger Anruf, vielleicht hat Muttern einfach den Stecker gezogen.
Also nicht wüten, toben oder das Ganze persönlich nehmen, sondern vielleicht dem Spieler eine kurze Notiz ins Gästebuch schreiben und nachfragen, was los war.
Ich will unbedingt mit Charakter XYZ spielen, aber wenn er kommt, geht er immer gleich in ein Separée
In der Taverne oder ähnlich frequentierten Räumen ist zu manchen Zeiten viel los. Zwei, drei oder mehr Handlungsstränge laufen nebeneinander ab und man braucht schon ein gesundes und eher überdurchschnittliches Aufnahmevermögen, um nicht durcheinander zu kommen oder die Hälfte zu übersehen. Daher kann man keinem Spieler verbieten, lieber geruhsam in einem Separée zu spielen, vor allem nicht, wenn es um einen persönlicheren Plot geht, den nicht alle anderen Charaktere miterleben müssen oder sollen. An der echten Welt hättest Du ja auch nicht ständig Zugang zu allen Orten und es halten sich nicht immer alle in der Kneipe oder auf dem Marktplatz auf...